Tieren mit der Kamera begegnen

Entlang meiner Beobachtungen von Vögeln, Reptilien und Säugetieren durfte ich in den vergangenen Jahren Erfahrungen zum Thema Tierfotografie sammeln (Wildlife-Galerie anzeigen). Wichtige Verhaltensweisen und technische Herangehensweisen fasse ich in diesem Artikel zusammen. Für meinen Test großer Brennweiten unterstützte mich Canon durch Leihgeräte. Alles was ich hier schreibe, entspricht meiner persönlichen Meinung und Erfahrung. Viel Spaß!

Kapitel-Übersicht:

Vorbemerkungen | Nachhaltigkeit | Methode | Ansätze | Equipment | Resümee

Vorbemerkungen

Mit dem Aufenthalt in der freien Natur, dem Warten auf Begegnungen mit Tieren und der damit verbundenen Einsamkeit wie auch Ruhe finde ich Glück. Als ich im Jahr 2009 auf eine Schlingnatter (Coronella austriaca) traf, war ich fasziniert und wurde neugieriger Weise kurz darauf Mitglied des Amphibien- und Reptilienschutzvereins in Thüringen, welcher mir die Tierwelt in einem ganz neuen Detailgrad offenbarte. Einige Jahre später, als mir mein Vater seine Begeisterung für die Welt der Vögel zeigte, begann ich, ihn auf mehreren Reisen zu begleiten. So lernte ich verschiedenste Arten und deren Lebensweisen kennen. Das ist die Grundlage und mein Zugang zum Thema Wildlife, mit dem ich mich seitdem sukzessive fotografisch auseinandersetze.

Nachhaltigkeit

Der Planet signalisiert uns immer deutlicher, dass er sich durch unser Handeln verändert – sei es über die Emissionen in die Atmosphäre, die fortschreitende Eroberung der Natur oder den exzessiven Tourismus. Reisen wir heute per Auto in das nahegelegene Naturschutzgebiet oder mit dem Flugzeug zum Grönland-Workshop, müssen wir uns entlang des eigenen ökologischen Fußabdrucks die Frage nach der Verhältnismäßigkeit beantworten. Das Reise- und Konsumverhalten geht uns alle an. Als Zivilisation haben wir langfristig nur eine Chance zu überleben, wenn wir im Einklang mit der Natur arbeiten.      

Um wilde Tiere zu sehen und adäquat mit Ihnen zu arbeiten, brauchen wir Arten- und Lebensraumkenntnisse. Nur wenn wir uns vorher ausgiebig informieren, ist sichergestellt, dass unsere fotografische Arbeit eher nützt als schadet. Durch die zunehmende Zahl an Fotografen, die per GPS-Koordinaten zusammenströmen, wird es immer schwieriger, die verbleibenden Lebensräume und Rückzugsorte der Tiere zu erhalten. Am besten organisieren wir die Tierfotografie (a) im nahen Umkreis über (b) persönliche Kontakte und geben diese Orte nur selten oder gar nicht weiter. Vor dem Betreten von Grundstücken sollten wir uns fragen: Wer ist Flächeneigentümer(in) / Nutzer(in); welche Richtlinien werden angewandt; welche Pflanzen und Tiere sind vor Ort geschützt und warum; was darf betreten und beflogen werden? Ein Gespräch mit der örtlichen Naturschutzbehörde oder z.B. dem Naturschutzbund Deutschland kostet wenig Zeit und Aufwand. Wir lernen dabei sehr schnell die Besonderheiten, Geschichte, Interessensgruppen und Arten des Ortes kennen. Mit unserer Herangehensweise entscheiden wir, ob wir Teil der Lösung oder des Problems sein wollen.

Methode

Die Tierbegegnung ist eine Frage der Methode. Je nach dem, was wir über Flora und Fauna wissen, sind wir entweder überwiegend (a) explorativ oder (b) dokumentierend unterwegs. Sind wir in Bewegung bzw. lernen eine neu Fläche fahrend oder spazierend kennen, werden wir (eher zufällig) Tieren am Wegesrand oder auf Distanz / beim Flüchten begegnen. Um manche Tiere z. B. Vögel und Säugetiere (mit regional jeweils unterschiedlich großer Fluchtdistanz) gezielt zu beobachten, ist ein sogenannter Ansitz deutlich zielführender. Das kann eine Beobachtungshütte, ein Schwimmversteck, Tarnzelt oder Camouflage-Bekleidung sein. Auf diese Weise können wir die Tiere ungestört an einem konkreten Ort erwarten.  

Eine erste Exkursion verschafft einen Eindruck vom Ort. Dabei kommt es neben dem Wissen vor allem auf unser Gespür nach dem Motto „hier würde ich mich als Eidechse wohlfühlen“ an. Für den zweiten Besuch überlegen wir uns ein erfolgsversprechendes Beobachtungszeitfenster. Jetzt ist unsere Geduld gefragt, denn das Warten kann mehrere Stunden oder Tage mit wiederkehrenden Besuchen in Anspruch nehmen. Wenn wir die freudige Erwartung auf die Tierbegegnung über längere Zeit konservieren können, werden wir schon bald mit den ersten Aufnahmen belohnt. Grundsätzlich sind folgende Fragen interessant:

  1. Welche Arten
  2. kommen in unserer Umgebung vor …,
  3. wie begegnen wir ihnen in Reichweite unserer Kamera
  4. und was können wir tun, um ihr Vorkommen zu schützen?
EF 600 f/4L IS II USM Beispiele

Ansätze

Respekt vor der Natur ist die wichtigste Regel für nachhaltige Tierfotografie. Darüber hinaus gibt es verschiedene fotografische Ansätze und Schulen. Ein Beispiel hierfür bietet die GDT (Gesellschaft Deutscher Tierfotografen e.V.). Wir können uns also fragen:

  • Wollen wir Flora und Fauna mit einem authentischen / dokumentarischen Anspruch fotografieren?
  • Soll unsere Fotografie den Einfluss des Menschen berücksichtigen oder dürfen keine menschengemachten Objekte in der Szene vorkommen (z.B. Stromleitung, Weidezaun, Backsteinmauer)?
  • Dürfen wir die zu beobachtenden Tiere anlocken / anfüttern? Sind für die Aufnahmen bauliche Maßnahmen erforderlich?
  • Welche Rolle spielt die Beziehung Mensch und Tier / Mensch und Natur in unseren Bildern?
  • Inwiefern ist die künstlerische Verfremdung unseres Bildes erlaubt? Dürfen / wollen wir einzelne Bildbestandteile entfernen oder hinzufügen?
  • Müssen die Bilder als „One shot“ entstehen oder sind Aufnahmetechniken wie Focus stacking, Panorama, HDR usw. erlaubt?

Equipment – Die Qual der Wahl

Es gibt sehr unterschiedliche Tierfotografen. Manche möchten nur eine schöne Aufnahme vom Spaziergang mit nach Hause bringen. Dann ist eine Kompaktkamera oder sogar ein modernen Smartphone samt Makromodus / Telelinse bereits gut geeignet. Andere verschreiben sich der Artenvielfalt und suchen eine Art nach der anderen. Beim sogenannten „Birding“ ist eine Bridgekamera wie die Nikon P1000 mit handlichen 3000 mm (125x Zoom) der perfekte Begleiter. Wollen wir uns jedoch detaillierter mit Dynamikumfang, Rohformaten und entsprechend hochauflösender Druckerzeugnisse beschäftigen, braucht es schnell den großen, rauscharmen Vollformat-Sensor (oder größer). Für letztere sind die nachfolgenden Überlegungen gedacht. 

Nachdem ich im Laufe der Jahre mit einigen wenigen längeren Objektiven experimentiert hatte (wie einem günstigen Sigma 70-300 oder sogar dem ziemlich scharfen Tamron 180 Makro), wurde das Canon EF 100-400 f4.5-5.6L IS I / II USM (beide Versionen) mitsamt der EF 1.4x III- und 2x III Extender zu meinem „Daily Driver“ (von 2015 bis heute). Bereits seit 2009 nutze ich Canon-Kameragehäuse (von der EOS 450D zur 50D über die 5D zur 5D Mark II und schließlich zum aktuellen Set mit EOS 5Ds und EOS 1D X).

Die Wahl des Objektivs samt Kamera hängt direkt mit dem Aufnahmebereich und dessen Bedingungen ab. Wenn ich vorzugsweise Insekten fotografieren will, richte ich den Blick z.B. auf Telemakros mit geringer Naheinstellgrenze und einer Kamera mit Klappdisplay. Bei Säugetieren und Vögeln musste ich sehr oft feststellen, dass 400 mm aufgrund der vergleichsweise hohen Fluchtdistanz nicht genug waren. Ich wollte also längere Objektive am Vollformat ausprobieren. Mich faszinierten insbesondere die großen Festbrennweiten mit konstanter Blende und herausragendem Bokeh. Im Juni 2016 lieh mir Canon das riesige EF 800 f/5.6L IS USM für eine Reise an die Nord- und Ostsee. Ein Jahr später, im März 2017, unterstützten sie meine erste Reise nach Helgoland, indem sie mir die EOS 1D X Mark II zusammen mit dem EF 600mm f4L IS II USM für einen Test schickten. Vielen Dank an dieser Stelle an den Canon Professional Service für die Unterstützung! Ich habe das Material beider Touren als Demos zusammengefasst:

Beim Testen dieser großen Linsen fällt zunächst das Gewicht auf. Während die Objektive EF 800 und 600 jeweils 4,5 und 3,9 kg wiegen, kommen mit der 1D X Mark II mit einem Gehäuse aus Magnesiumlegierung, großem Akku und Hochformatgriff weitere 1,3 kg hinzu. Ich habe in dieser Kombination also mit 5-6 kg gearbeitet. Das kann ich unweigerlich nicht lange frei halten. Einfache Hilfsmittel zum Auflegen der Kamera – wie der Bohnensack – sind ratsam. Für meinen Test habe ich kurzerhand noch einen Gimbal (Benro GH-2) gekauft, um freier arbeiten zu können. Dabei werden Kamera und Objektiv über die Stativschelle auf ihren Schwerpunkt hin ausgerichtet. Das führt dazu, dass ich die Kamera auf dem Stativ einfach loslassen kann. Gimbal mit 1,5 kg und in meinem Fall ein Manfrotto Alu-Stativ mit 2,5 kg führen also mitunter zu einer 10-kg-Kombination für die Ansitzfotografie (insofern ich für das geplante Motiv nicht ohne bzw. mit Bohnensack arbeiten kann). Mit Rucksack, Zweitobjektiv, Ersatzkamera, -akkus und weiterem Zubehör sind 15-20 kg schnell erreicht.

EF 600 f4L IS II USM + 1D X Mark II

EF 800 f/5.6L IS USM + 1D X

Die Strapazen des Tragens lohnen sich, wenn ich das Equipment an einen konkreten Beobachtungsort / Ansitz bringe. Vorteile, die ich bei dieser Kombination sehe:

  • Verarbeitungsqualität: Wetter, Staub, raues Gelände können diesen Kameras und Objektiven wenig anhaben. Sie wurden für den Einsatz unter widrigen Umständen gebaut.
  • Längere Arbeitszeit: Dank des herausragenden Sensors, der Bildstabilisierung und der Offenblende f/4 bzw. f/5.6 kann ich selbst in der Dämmerung noch druckbare Ergebnisse erzielen.
  • Extender-Kompatibilität: Muss ich näher heran, bietet die Offenblende die Möglichkeit, 1.4x- oder 2x-Konverter einzusetzen. Bei 1200 mm kann ich so noch alle Fokuspunkte nutzen.
  • Festbrennweiten-Bonus: Maximale Schärfe und Kontrast
  • Freistellung: Objekt bei geringster Schärfentiefe und umwerfenden Bokeh vom Vorder- und Hintergrund trennen
  • Focus Preset: Die Möglichkeit den Fokus z.B. auf einem Ast für die Landung des erhofften Vogels einspeichern zu können, um die Schärfe just in time per Tastendruck auf diesen Punkt zu konzentrieren.

Nachteile, die ich sehe:

  • Lautstärke: Meine 1D X ist sehr laut. Mit der 1D X Mark II hat sich dies etwas verbessert, wenngleich sich einige Tiere trotzdem umgucken, woher das „Rattern“ kommt (Abhilfe schaffen heutige Mirrorless-Kameras, die mit dem elektronischen Verschluss gänzlich lautlos arbeiten).
  • Fehlende Beweglichkeit: Mit derart großen und schweren Kameras / Objektiven muss ich planen (z.B. bei der Gepäckaufgabe im Flugzeug) und bin weit weniger mobil als ich es mit einem vergleichsweise kompakten 100-400er Zoom-Objektiv oder 180er Makro sein könnte. 

Diese Einschätzung betrifft im Wesentlichen die Ansitzfotografie. Wenn wir Tiere mit kaum vorhandener Fluchtdistanz fotografieren, z.B. Meeresvögel am Strand oder eine Schnecke auf der Straße, werden auch andere Objektive bis hin zum Ultraweitwinkel interessant.

EF 800 f/5.6L IS USM Beispiele

Resümee

Wenn wir uns mit der Tierfotografie eingehend beschäftigen wollen, stellen sich viele Fragen, die ich in diesem kurzen Artikel nur anschneiden konnte oder noch gar nicht beleuchtet habe. Diese Liste hat daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit:

  1. Wissen erlangen: Welche Arten interessieren uns? Wo kommen sie vor? ODER Welche Landschaft / welche Fläche interessiert uns? Welche Tiere leben dort? Wie können wir dorthin gelangen / wie können wir den Tieren nahekommen? Wen müssen wir ansprechen und wie kommen wir an weiterführendes Wissen?  
  2. Nachhaltig arbeiten: Wie bedroht ist die Art? Welche anderen Arten beeinträchtigen wir durch unsere Fotografie? Was können wir für ihren Schutz tun?
  3. Planung und Vorbereitung: Genehmigung einholen (falls nötig), Exkursion als Erstbegehung durchführen und infrage kommende Punkte kartieren. Wenn wir wissen, was wir suchen, können wir den Aufnahmeort, -zeit und -bereich festlegen. Dementsprechend wählen wir Kameras, Objektive und Zubehör. Bei Aufnahmen mit langem Tele sind Aufnahmen tagsüber aufgrund des schnell entstehenden Hitzeflimmerns in der Distanz nicht geeignet (vorzugsweise also Morgen- und Abendstunden).
  4. Motivkonzeption: Spätestens jetzt ist Kreativität gefragt. In welchen Situationen wollen wir das Tier fotografieren? Was finden wir spannend? Was ist ungewöhnlich? Welche Bestandteile des Vorder- oder Hintergrunds kann ich sinnvoll einbinden?
  5. Flexibilität: Verbessert sich unser Bildaufbau, wenn wir neue Blickwinkel ausprobieren? Ist unser jetziger Standort schon ideal oder finden wir vielleicht noch einen besseren Blick (räumlicher Horizont)? Haben sich inzwischen andere Arten dazu gesellt? Was passiert gerade jenseits des Suchers oder ist in den nächsten Minuten, Tagen oder gar im Jahresverlauf (z.B. Vogelzug) zu erwarten (zeitlicher Horizont)?
  6. Leidensfähigkeit: Wer Schönes haben will, muss leiden – so könnte das Motto lauten. Tierfotografen zeichnen sich insbesondere durch Ruhe und endlose Geduld aus. Dazu gehört es auch, unbequeme Positionen „im Dreck“ einzunehmen und für längere Zeit zu halten (z.B. Boden- oder Froschperspektive). Heutzutage können technische Hilfsmittel (z.B. Lichtfallen) einige Arbeitsprozesse automatisieren. Jedoch funktioniert das längst nicht in allen Aufnahmesituationen.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei Entdecken der Tierfotografie. Vielleicht haben Ihnen diese Punkte etwas geholfen. Schreiben Sie mir, wenn Sie Ergänzungen haben oder Ihre eigenen Erfahrungswerte teilen möchten! Herzliche Grüße Marco Rank